V Noch einmal: Faure und Jes 6

Hat das zweite Zitat von Joh 12,37ff aus Jes 6 schon in der Semeiaquelle gestanden? Faure hatte nur Jes 53,1 zum Ende der Quelle gerechnet. Nach langer Zeit der Erforschung des alttestamentlichen Hintergrundes des Johannesevangeliums kann man jedoch etwas mehr sagen: Wir wissen, dass Johannes Zitate aus dem AT gewöhnlich gern aus der Tradition übernimmt und sie verarbeitet - nicht erarbeitet. Ps 45, Ps 95 und LXX Ps 39 - alle im Hebräerbrief angeführt - werden von Johannes verarbeitet. So könnten auch die beiden Zitate in 12,37ff aus der Tradition sein. Wir dürfen uns den Evangelisten nicht als Forscher vorstellen, der wie in einer Bibliothek den hebräischen Bibeltext, den aramäischen und den griechischen vor sich liegen hatte.37 Eine verfolgte und arme christliche Gemeinde dürfte nur sehr schwer Zugang zu den heiligen Texten gehabt haben. Die Muttersprache des Evangelisten ist hebräisch/aramäisch. Griechisch hat er im späteren Leben genügend sicher, wenn auch nicht variationsreich, hinzugelernt. Die beiden Zitate bewegen sich jedoch im Bereich sprachlicher Mischform. Dazu aber kommt, dass Johannes niemals (gr.)noaesosin (vgl Jes 6,10: !(hebr.)jabin" ) benutzt. Er liebt andere Wörter für dieselbe Sache. Auch die LXX (gr.)synosin wird an dieser Stelle nicht wiedergegeben. Das weist auf Herkunft aus der Tradition hin. Dazu kommt, dass in beiden Zitaten dieselbe Situation vorhanden ist: Das Gespräch zwischen Jesus und Gott. Weiter: Nach den sieben hermeneutischen Regeln, Hillel zugeschrieben, wird als 6. Regel aufgestellt, dass eine Stelle durch eine andere, die ihr ähnlich ist, erläutert wird. Auf Joh 12,37ff angewandt, wird Jes 53,1 durch Jes 6,10 erläutert: Der in Jes 53,1 beklagte fehlende Glaube, mit dem Menschen auf Jesus und Gott reagieren, wird Jes 6,10 erläutert: Auch Gott reagiert, nämlich auf die Menschen, die nicht glauben, indem er verstockt. Auch Jesus reagiert, aber im Einklang mit der Reaktion des Vaters: Er kann Verstockte nicht von ihrer Blindheit heilen. Ich meine also, dass die bei Johannes jetzt beisammenstehenden zwei Zitate schon in der ihm vor-gegebenen Tradition zusammengestanden haben. Man kann dazu verleitet werden, das zweite Zitat Johannes zuzuschreiben wegen der Erklärung in 12,41, dass Jesaja die (gr.)doxa Jesu gesehen hat. (gr.)doxa aber ist Lieblingswort des Johannes. Ich möchte betonen, dass der Begriff der Herrlichkeit durch Tg38 und LXX in Jes 6 eingeführt worden ist und Johannes dieses Wort zum Zentrum seiner Aussagen hat werden lassen, um die Intention von Jes 6 in seiner Zeit zu verkündigen.39 Die ungekürzten Verse Jes 6,9f, gegen „un-gläubige“ Juden angeführt, geben wohl die Stimmung einer Endzeitgemeinde um das Jahr 70 wieder, die das Zitat als Schlusspunkt versteht, geben aber - einseitig als Gerichtswort verstanden - nicht das Verständnis des Johannes wieder, der die beiden Möglichkeiten von Gericht und Heil kennt und gerade in 12,42ff auch seine Korrektur eines einseitigen Verständnisses von Jes 6,10 anbringt. Ich möchte mich R. Schnackenburg insofern anschließen, dass der Evangelist für die Auslassung der Worte vom Hören aus Jes 6,10 verantwortlich ist40. Das gesamte Zitat weise ich jedoch der Tradition zu.
Dass der Evangelist die Worte vom Hören aus Jes 6,10 nicht einfach weglässt, zeigt nicht nur 12,42ff41, sondern besonders die Feststellung in Joh 8,43, dass Zuhörer (weil Gott verstockt hat) Jesu Worte nicht hören und verstehen können - hier findet sich Jes 6,9f in johanneischer Sprache, die aber an anderer Stelle sehr wohl vom Hören und Glauben sprechen kann und so Gericht und Heil gemäß Jes 6,10 und LXX Ps 39,11 für alle - Juden und Heiden - als Möglichkeiten sieht. Gerade die von Johannes als so wichtig gesehenen Griechen von Joh 12,20, die Jesus sehen wollen und Jesu Reaktion auf sie, zeigen die Offenheit der Verkündigung des Evangelisten für die Ehre Gottes und das Heil der Welt - durch den Heiland der Welt. Durch den gemäß Jes 6 Gesandten Gottes, Jesus, werden die Heiligkeit Gottes und seine Ehre - von Cherubim im himmlischen Bereich ausgerufen und von Jesaja vernommen - unter allen Menschen einladend und vor dem Gericht schützend proklamiert.