2. Begründung dieser These

a) Jesaja hat nach dem Wortlaut des Zitates Jes 6,10 bei Johannes keine eigentliche Aufgabe: Verstockung ist durch Gott schon geschehen und Heilung wäre die Sache Jesu. Die gesamte Bedeutung des Propheten besteht darin, das Erlebte und Gehörte als Gereinigter zu überleben und der Generation, die den Gesandten Gottes bei sich haben wird, vom Gericht zu berichten. Wenn Jesaja also nicht zu verstocken hat und nicht zu heilen, ist er auch nicht der Gesandte, sondern nur wichtiger Zeuge. Die Aufgabe des Gesandten14 dagegen ist es, Glauben zu ermöglichen, aber auch die Verstockung der Verstockten zu benennen, zu ertragen und zu erleiden15, indem er sie nicht heilen kann. Blinde dagegen, die zum Glauben kommen, - Joh 9,1ff - kann der Gesandte (gr.)apestalmenos als Licht der Welt16 heilen - Verblendete, die Wunder miterlebt haben, ohne zu glauben, jedoch nicht - Joh 9,39-41.

b) Johannes hat ein besonderes Interesse am Gespräch zwischen Gott und Jesus: Gen 28,12 versteht er in Joh 1,51 so, dass die Engel Gottes nicht auf den Stein, sondern auf den Menschensohn - (hebr.)bo - herabsteigen17. Jakob ist nur träumender Zeuge.18
Auch das Interesse des Mose ist - wie das des Jesaja in johanneischer Sicht - auf Jesus konzentriert: Joh 5,46 - „er hat von mir geschrieben“. Wie in Bezug auf Mose in Joh 5,46f, so hätte in Bezug auf Jesaja Jesus sagen können: „Wenn ihr Jesaja glaubtet, so glaubtet ihr auch mir; denn er hat von mir geschrieben/geredet, als Gott mit mir, seinem Sohn, gesprochen hat. Wenn ihr aber seiner Schrift nicht glaubt, wie werdet ihr meinen Zeichen und Worten glauben?“

Joh 17 zeigt das besondere Verhältnis des Sohnes zum Vater im Gebet und spricht von der Herrlichkeit Jesu in 17,24.

Joh 12,27-31 zeigt das Gespräch zwischen Sohn und Vater, wobei Gottes Worte vom Volk missverstanden werden als Donner oder das Reden eines Engels. Gerade dieses Gespräch ist besonders interessant, weil der „Donner“ in Joh 12,29 auf dem Hintergrund der Gottesbegegnungen in Ex 20,18 und Jes 6,4 (hebr Qal von nawa) gesehen werden kann und in den folgenden Versen die Verherrlichung des Königs von Joh 12,13.15 angesprochen wird, die gleichzeitig für die, die nicht glauben und den Fürsten dieser Welt Gericht bedeutet, welches in 12,37ff unter Hinweis auf Jes 6,10 auf Gott zurückgeführt wird. Jes 6 könnte also umfassender im Hintergrund von Joh 12 gesehen werden, als es das Zitat aus Jes 6,9f vermuten lässt.19

Abraham - Joh 8,56 -, Jakob, Mose und Jesaja bezeugen das besondere Verhältnis zwischen Gott und seinem Sohn. Wir können zu diesen Personen sicher nach Ps 2 und Ps 110 - vom Hebräerbrief auf Jesus ausgedeutet - auch David hinzuzählen, denn das Vater-Sohn-Verhältnis bei Johannes ist wahrscheinlich auch im Hinblick auf das Gespräch Gottes in diesen beiden Psalmen gestaltet: „Er hat zu mir gesagt: Du bist mein Sohn...“ und „Der Herr sprach zu meinem Herren: Setze dich zu meiner Rechten...“.20

c) Wenn das Johannesevangelium Jesus wiederholt als den Präexistenten versteht und Johannes mit diesem Verständnis Jes 6 liest, wäre es unverständlich, wenn sich auf die Frage Gottes, wen er senden solle, Jesaja angeboten hätte und nicht der präexistente Jesus, der nach Johannes vom Sein beim Vater und immer wieder von seinem Gesandt-worden-sein spricht. Es ist Jesus als der Gesandte, der Verstockung erfährt und der doch zugleich die Zeit des Hörens eröffnet, die auch nach Abschluss der Wundertätigkeit in den von Jesus Gesandten weitergeht. Wegen dieser auch weiterhin gegebenen Möglichkeit des Hörens - so denke ich - ist auch bei Johannes und durch ihn das Wort aus Jes 6,9 in Joh 12,40 bewusst ausgelassen: „Hört und versteht’s nicht“ und „...dass sie nicht hören mit ihren Ohren“. Dieser Teil des Gerichtes vollzieht sich jeweils neu vor neuen Hörern - oder das Gericht findet nicht statt, denn wer glaubt, hat kein Gericht mehr zu erwarten.21

d) Wie ich gezeigt habe22, hat Johannes an drei weiteren Stellen das AT auf Grund des hebräischen Textes abweichend von der bei den Masoreten vorfindlichen Vokalisierung verstanden: Gen 28,12 in Joh 1,51, Ex 16,15 in Joh 6,32 und Jes 6,10 in Joh 12,40. Das besondere Verständnis von Jes 6,8 als auf Jesus als Antwortenden bezogen, wäre von Johannes, bzw. seiner Tradition dann auch auf Grund eines hebräischen Textes gesehen worden.23

e) Haackers Schwierigkeit mit der Herkunft des Gesandten-Begriffes24 wird durch das neue Verständnis von Jes 6,8 aufgehoben: Die Darstellung Jesu als des von Gott Gesandten hat seine Wurzel im johanneischen Verständnis von Jes 6,8.

f) Ich habe in meinem Artikel „Vom Hebräerbrief zum Johannesevangelium“25 die Vermutung ausgesprochen, dass der von Johannes auf Jesus bezogene LXX Ps 39,8 - „Da sprach ich: Siehe, ich komme (gr.)haeko vgl Joh 8,4226), in der Schrift ist von mir geschrieben“ - mit dieser Schrift insbesondere Jes 6 gemeint haben wird: Nach der in Jes 6,8 grundsätzlich ausgesprochenen Bereitschaft, sich von Gott senden zu lassen, folgen für Johannes gemäß dem Psalm genauere Ausführungen über diese Mission. Die Sendung beinhaltet die Beendigung des von Gott nicht gewollten Opferwesens im Tempel in Erfüllung des Willens Gottes unter Hingabe des eigenen (gr.)soma durch Jesus. Die Ablehnung Jesu durch die Verstockten bedeutet für ihn den Tod am Kreuz - insofern aber auch die in Jes 6,10 angesprochene mögliche Heilung: „Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. Denn Gott hat seinen Sohn nicht gesandt (Jes 6,8!) in die Welt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde.“