1. Meine eigene These zu Jes 6,8a

In bisheriger Forschung ist Jes 6,9f im Hinblick auf die Verwendung im Johev weitgehend isoliert betrachtet worden. Nur Jes 6,1 und 6,5 sind, von TG und LXX her beleuchtet, hinzugezogen worden. Ich möchte folgende neue These aufstellen, die dann zu einer neuen Betrachtung des gesamten Kapitels Jes 6 in johanneischer bzw. vorjohanneischer Sicht führt und - wenn sie kritischer Forschung standhält und von ihr ergänzt und untermauert werden kann - die Auslegung des gesamten Johannesevangeliums betrifft:

a) Johannes hat Jes 6,8 als Gespräch zwischen Gott und dem präexistenten Jesus[10] verstanden, das Jesaja gehört und überliefert hat. Der entsprechende Text würde lauten:

Und ich (nämlich Jesaja) hörte die Stimme Adonajs sprechen:
„Wen soll ich senden und wer geht für uns hin?“

Er (nämlich Jesus) aber sprach: „Hier bin ich, sende mich!“

Johannes hat also nach meiner These (hebr.)wajomer gelesen statt (hebr.)weamar.

b) Johannes - bzw die vorjohanneische Tradition - hat Jes 6 nicht als Berufung Jesajas zum Propheten verstanden11, sondern als Berufung Jesajas zum Zeugen für das Gespräch zwischen Gott und Jesus.12

c) Die Gesandten-Christologie des Johev hat ihren Urgrund in diesem Gespräch und bildet im Zusammenhang mit der Gesamtsicht von Jes 6 durch Johannes eine der wesentlichen Quellen für die spezifisch johanneische Sprechweise.13