Der Weg Jesu vom Vater her - Richtige und falsche Maßstäbe?

Auch wenn man sagt, dass Statistiken lügen, so kommt doch manches Bemerkenswerte zutage, wenn man einmal statistisch untersucht, welche besonderen Bezeichnungen der Evangelist für Jesus benutzt - sehr oft oder sehr selten. Er unterscheidet sich in diesen Bezeichnungen sehr von den anderen Evangelien. Die Statistik sagt, dass seine Lieblingsbezeichnungen sind: "der Sohn" und "der Sohn Gottes" - aber auch: "der Menschensohn". Oft finden wir, dass Jesus "gesandt" ist, also Gesandter Gottes ist. Daneben aber auch: dass Jesus "ausgeliefert" ist, "übergeben" - den Menschen. Johannes benutzt für Jesus oft die Bezeichnung "Christus", ja, einige Male wird Jesus sogar "Gott" - aber einmal: "der Mensch" genannt. Sehr oft erscheint das Wort "Herr", aber einmal nennt er sich auch "Sklave". Herausgehoben ist die Bezeichnung "EGO EIMI" - "ICH BIN". Aber er heißt auch "der aus Nazareth". Manchmal wird er "König" genannt oder nennt sich selbst so. Manche nennen ihn "Prophet" oder "der, der kommen soll". Seltene Bezeichnungen sind "Heiland" oder "der Heilige Gottes". Was sagen die oft benutzten Bezeichnungen, Lieblingsbezeichnungen des Johannes, aus? Zuerst, dass der Weg Jesu "oben" beginnt, beim Vater. Jesus ist der Gesandte. In der Welt damals ist der Gesandte voller Repräsentant dessen, der ihn sendet: Der Gesandte ist wie sein Sender! Wer also vor Jesus steht, steht vor Gott, mittelbar zwar, aber doch gleichzeitig real. Wenn Jesus - für islamische Ohren unerträglich - "Gott" genannt wird, so deshalb, weil in ihm als Gesandtem Gott anwesend ist. So sieht Thomas, wenn er sagt: "Mein Herr und mein Gott!", in Jesus Gott, hinter Jesus, durch Jesus Gott, allerdings nur das, was man von Gott sehen kann, denn - wie Jesus im Johannesevangelium sagt: "Der Vater ist größer als ich" - 14,28. Im Weihnachtslied heißt es: "Sein Lauf kam vom Vater her und führt wieder zum Vater." Das ist das Leben Jesu in einer Kurzformel, das Leben von der oberen "Bühne" ausgehend und zu ihr wieder hinführend. Juden haben für diese Auffassung des Kommens vom Vater und des Zurückkehrens im Alten Testament und in ihrer Auslegung dazu eine gute Verstehensmöglichkeit. Im Alten Testament heißt es, dass vor der Schöpfung die Weisheit bei Gott war. Im Talmud lesen wir: "Sieben Dinge wurden vor Erschaffung der Welt erschaffen...: Die Weisung, die Umkehr, der Garten Eden, die Hölle, der Thron der Herrlichkeit, das Heiligtum und der Name des Messias. Die Weisung, denn es steht geschrieben: - (Sprüche 8,22) - "Der Herr hat mich als Anfang seines Weges erworben.." Der Name des Messias, denn es steht geschrieben: - (Ps 72,17) - "Sein Name wird für immer bleiben, vor der Sonne sprosst sein Name."

An solche Überlegungen kann Johannes anknüpfen, wenn er vom LOGOS spricht und vom Sohn, der am Anfang bei Gott war, gesandt wird und wieder zu Gott zurückkehrt. Für Johannes ist von Gott ausgehendes Nachdenken im Zusammenhang mit dem Leben Jesu der richtige Maßstab. Er empfindet es als falsch, wenn man Jesus als aus der Daviddynastie kommend verstehen will, aus Bethlehem, von unten, - 7,40-42 - oder wenn man Jesus ablehnt, weil man seinen Vater und seine Mutter aus Nazareth kennt - 6,42. Die Sendung und die Vollendung des Auftrags machen ihn zum Sohn Gottes.

crucifixus est
crucifixus est - gekreuzigt


Aus der Literatur

B. Pascal: Gedanken Nr. 341
"Man kann also sehr gut Gott erkennen ohne sein Elend, und sein Elend ohne Gott; aber man kann nicht Jesus Christus erkennen, ohne zugleich Gott und sein Elend zu erkennen."