1. Die Textform von Jes 6,10 in Joh 12,40

Weder unvokalisierter hebräischer Text, weder Masoretischer Text noch Targum oder LXX sind je für sich allein Grundlage für den bei Johannes vorhandenen Text. Dieser geht aber z.T. - in den Aussagen „er (sc Gott) hat verblendet“ und „er (Gott) hat verstockt“ - auf den unvokalisierten hebräischen Text zurück, weist in der Aussage von 12,41, dass Jesaja nicht Gott, sondern „nur“ die Herrlichkeit Gottes gesehen hat, auf den Targum hin, gemäss dem Jesaja die Herrlichkeit Gottes sah und die Stimme der Memra Gottes hörte,8 und ist in den letzten Worten des Jesajazitates - „und ich sie heilte“ - eine wörtliche Wiedergabe der LXX. Dazu kommt, dass Johannes Jes 6,9f in markant verkürzter Form wiedergibt, so dass die Worte, die sich auf das Hören und Nicht-Verstehen beziehen, in 12,40 ausgelassen sind. Ich werde noch darauf zu sprechen kommen, dass Johannes sie jedoch nicht unterschlagen hat.

Einige Forscher sehen in diesem Textzustand Tradition vor Johannes am Werk, andere führen das Zitat aus Jes 6,10 und das vorhergehende aus Jes 53,1 auf den Evangelisten zurück. Wieder andere bringen Jes 53,1 mit der Semeiaquelle in Verbindung, Jes 6,10 jedoch mit dem Evangelisten. Ich selber sehe die beiden Zitate - Jes 6,9f in ungekürzter Form - als zum Ende der Zeichenquelle bzw. eines Wunderevangeliums gehörig. Eine Begründung folgt später. Und: Für die Verkürzung von Jes 6,9f wird Johannes aus theologischen Gründen verantwortlich sein, auf die ich noch zu sprechen komme.