Joh 21,15-19 (und Predigt)

vgl Joh 21,1-14

Textabgrenzung nicht akzeptierbar!

Die Abgrenzung des Predigttextes entspricht nicht dem, was Joh 21 eigentlich sagen will. Nimmt man nur die Verse 15-19, dann fehlt zum Verständnis dieser Verse u.a. der wunderbare Fischfang mit der Erkenntnis des “Lieblingsjüngers“: „Es ist der Herr“. Ohne Fischfang auch kein Essen mit dem Herrn, der das wichtige Gespräch mit Petrus vor den anderen Jüngern führt in V.15-19. Ohne beharrende Fragen Jesu, ohne Beauftragung des Petrus und Martyriumsankündigung in 21,15-19 für einen alten Petrus kein fragender Seitenblick dieses Jüngers wegen des nicht das Martyrium erleidenden, sehr alt werdenden „Lieblingsjüngers“ in 21,20ff. In diesem Kapitel 21 hängt alles miteinander zusammen und muss darüber hinaus auch noch mit den anderen Petrus- und Lieblingsjüngerstellen in den Abschiedsreden und in Joh 20,1ff zusammengesehen werden.

Was also tun, wenn man predigt?

Petrus repräsentiert eine Gemeinde und eine Glaubenshaltung, die das Martyrium wohl eher erstrebt, als es als Führung eines alten Mannes zu sehen, der seine Hände ausstreckt zum Angezogenwerden und Geführtwerden durch Jesus. Und auch der andere Jünger, den Jesus lieb hatte und der eine wichtige Rolle im Leben Jesu und schließlich beim Grabbesuch und dem Fischfang gespielt hatte, repräsentiert wohl eine Gemeinde und eine Glaubenshaltung, die Nachfolge nicht notwendigerweise mit Martyrium verbindet und deshalb von einer „Petrus-Gemeinde“ nicht herabgesetzt werden soll.

z.B. Predigt über verschiedene Glaubens- und Lebensformen von Gemeinden

Warum also nicht – als eine von mehreren Möglichkeiten – eine Predigt halten über verschiedene Glaubens- und Lebensformen von Gemeinden heute mit der Reflexion über den eigenen Standpunkt? Am Tisch Jesu von Joh 21 essen Jesusjünger mit verschiedenstem Hintergrund (Petrus, Thomas, Nathanael...) und verschiedenen Jesuserfahrungen und nehmen so teil an einer Mahlzeit, die auf Vollkommenes hindeutet:

Die Zahl 153

Die Zahl 153 deute ich von einem Dreieck her, das als Grundlinie 17 Punkte und als Seitenlinien je 9 Punkte hat. (9 mal 17 = 153) (s. Hinführung zu Joh 21,1-14)

Verkündigung braucht nicht nur Märtyrer

Verkündigung braucht manchmal auch Märtyrer

Es ist wohl nicht von ungefähr, dass Joh 21 (für mich kein „Nachtrag einer Redaktion“, sondern vom Evangelisten als Traditionsgut ans Ende seines Evangeliums gesetzt, s. die Hinführung Joh 21,1-14,
http://www.evangelium-johannes.de/je7/de/node/200)
in einem Evangelium steht, das das Heil Jesu für den gesamten Kosmos sieht. Verkündigung braucht also nicht nur Märtyrer, sondern auch in der Verkündigung alt werdende und normal sterbende Zeugen wie den „Lieblingsjünger“. Die Kirche soll nicht durch Märtyrer aussterben und sie soll nicht ohne Märtyrer im Schweigen enden.

 

PREDIGT am Sonntag Misericordias Domini 1975 in Erlangen-Thomaskirche über Joh 21,15-19

Liebe Gemeinde,

Vor kurzem las ich von einer aufregenden technischen Weiterentwicklung, die unser Leben einmal viel komplizierter machen wird:

"LÜGENDETEKTOR DRAHTLOS

Durch Messen von Atmung, Puls, Blutdruck und Leitfähigkeit der Haut, die sich unter der psychologischen Belastung des Lügens verändern, kann mit dem Lügendetektor mit hoher Zuverlässigkeit festgestellt werden, ob und wann der Untersuchte die Wahrheit sagt. Für die Messungen müssen geeignete Messgeräte oder Elektroden am Körper angebracht werden, was zu Messstörungen oder Ungenauigkeiten Anlass geben kann. Um derartige Fehler auszuschalten, wollen Physiker am Weizmann-Institut in Rehavot/Israel ... jetzt den kontaktlosen Lügendetektor entwickeln. Für die Atmung ist das bereits gelungen ...mit Hilfe von Mikrowellen-Radarechos. Zur Zeit arbeiten sie an einer Messapparatur für die Pulsaufzeichnung."

Stellen Sie sich einmal vor, wie das wäre, wenn Ihr Glaube einer solch peinlichen Untersuchung unterzogen würde. Wenn am Ende das eindeutige Ergebnis stünde: Er/Sie glaubt - oder Er/Sie glaubt nicht. Wie würde wohl das Ergebnis am 11. Mai aussehen, wenn unsere 60 Konfirmanden gefragt werden:

"Wollt Ihr unter Jesus Christus, Euerm Herrn leben, im Glauben an ihn wachsen und in der Gemeinschaft seiner Kirche bleiben, so antwortet 'Ja'.?
Wieviele 'Ja s' würden sich vor dem Lügendetektor als 'Nein s' herausstellen?

Meinem Freund, der an einer Universität der DDR lehrt, der aber große Vorbehalte gegenüber der Regierungspolitik hat, würde auch der Lügendetektor keine Schwierigkeiten bereiten, weil er eine Sprache entwickelt hat, die - politisch gesehen - unangreifbar ist, ohne dass sie Kompromisse macht. Er sagte mir z.B. über diese Sprache, dass es ein feiner, aber äusserst wichtiger Unterschied ist, ob man sagt: "Unsere DDR" und "Unsere Parteirepublik" und "Die BDR" oder ob man von der "DDR", der "SED" und "Westdeutschland" spricht. Der DDR genügt vorläufig der Sprachgebrauch mit dem feinen Unterschied.

Es gibt aber Situationen - wie in unserem heutigen Evangelium aus Joh 21 - wo eine eindeutige Sprache gefragt ist, die allen Prüfungen standhält, die Menschen erfinden können.

Verlesen des PREDIGTTEXTES

Denken Sie jetzt ruhig einmal, Sie stünden an der Stelle des Petrus, nachdem Sie die Gemeinschaft mit Jesus im Abendmahl erfahren haben. Denn dem Evangelisten, der diese Geschichte etwa 60 Jahre nach dem Tode Jesu und 30 Jahre nach dem Tode des Petrus in sein Evangelium aufnimmt und ihr die letzte und wichtigste Stelle im Evangelium - ganz am Ende - einräumt, war diese Geschichte zwischen Jesus und Petrus nicht aus biographischen Gründen wichtig. Für ihn war es eine typische Frage an Menschen, die Jesus mit seiner ganzen Freundlichkeit kennengelernt hatten und die dadurch fähig geworden waren, Verantwortung für andere Menschen zu übernehmen. Denken Sie also ruhig. Sie stünden an der Stelle des Petrus und werden gefragt: "Hast DU mich lieb?"

Wir sind da in einer Situation, in der wir nicht einfach das Glaubensbekenntnis zitieren können als eine offizielle Stellungnahme, die manche andere schon routinemäßig abgegeben haben. Die Frage "Hast Du mich lieb?" ist eine äußerst kritische Frage, die - routinemäßig beantwortet - eine Lüge wäre. Wie es viele von uns aus ihrer Ehe wissen, muss man sich zur Beantwortung dieser Frage Zeit lassen. Vielleicht hört man sie in ihrer ganzen Tragweite erst dann, wenn man dreimal gefragt wird: "Hast du mich lieb?"

An der richtigen Antwort auf diese Frage hängt die Zukunft vieler Menschen und an der falschen Antwort ihr Elend.

Weshalb sollten wir Jesus liebhaben? Genügt es nicht, ihn anzuerkennen, ihn in unsere Überlegungen mit einzubeziehen, ja, an ihn zu glauben? Wenn das genügte, würde uns die so wichtige Distanz gelassen. Ich könnte - dogmatisch unangreifbar wie jener Universitätslehrer - von 'dem Jesus' sprechen statt von 'mein Jesus', von 'unserem Jesus'. Weshalb sollten wir Jesus liebhaben?

In der Gemeinde, in der unser Johannesevangelium entstanden ist, ist auch folgende Aussage geschrieben worden:
"Lasst uns ihn lieben, denn er hat uns zuerst geliebt."
In einem Gedicht unserer Zeit liest sich das etwa so:
    "Ich war im Kino.
     Blutüberströmt, fertiggemacht
     fiel einer um
     als letzter von allen -
     Das war ein Western!!

    Ich war in der Kirche. Blutüberströmt, fertiggemacht
    stand einer auf -
    DAS WAR EIN OSTERN !!"

Wen soll ich lieben, wenn nicht den, der in seiner Person glaubhaft Hoffnung darstellt in einer Tod - und Kriegs - und Krankheitswelt und der in seine Hoffnung und Liebe mich einbezieht?
Wen soll ich lieben, wenn nicht den, der in einer Weise 'Ja' zu mir sagt, wie es nicht einmal meine Frau fertigbringt, die ich liebe.
Wir wissen doch, dass der Petrus gefragt wird 'Hast du mich lieb?', Petrus, der wenig vorher dreimal über Jesus gesagt hat: 'Ich kenne diesen Menschen nicht.'
Die ganze Lüge der Welt rechnet Jesus nicht nach. Deswegen: 'Lasst uns ihn lieben, denn er hat uns zuerst geliebt.' Und: 'Christus ist zu der Zeit, da wir noch schwach waren, für uns gestorben.'

'Hast du mich lieb?' - fragt Jesus. Und Petrus antwortet: 'Herr, du weißt doch alles. So weißt du auch, dass ich dich liebhabe.' Er sagt nicht: 'Ich habe dich lieb.' Das wäre zuviel gesagt. Das würde seine ganze Schwachheit und Unsicherheit nicht berücksichtigen, sein Versagen in der Vergangenheit und seine Angst vor der Zukunft. Es würde seinen Willen nicht berücksichtigen, der heute so und morgen anders handelt. Deswegen sagt er: 'Herr, du weißt, dass ich dich liebhabe.' Du kennst die Tendenz, den Ansatz und lässt das bischen, das bei mir da ist, als Liebe gelten. Und zu dem bischen Liebe von mir, das Er voll gelten lässt, beauftragt er mich auch noch! 'Weide meine Schafe!'
Vielleicht hätte Jesus in heutiger Sprache gesagt: Übernimm Verantwortung für meine Menschen - und er hätte das nicht nur zu dem 'Pastor', dem Hirten, so gesagt, sondern zu jedem, der auf die von Jesus erfahrene Liebe antwortet: 'Herr, du weißt, dass ich dich liebhabe.'

Übernimm Verantwortung für meine Menschen! Wir könnten uns die Antwort auf diesen Auftrag leicht machen und sagen: Ja, Herr, wir übernehmen sie. Es wäre genauso falsch wie wenn wir sagten: Ja, Herr, wir haben dich lieb.

Die Antwort könnte lauten: Herr, du weißt, wie Verantwortung für deine Menschen aussieht. Lass uns von dir lernen.

Petrus hat von Jesus gelernt und hat sich in den Märtyrertod führen lassen, dorthin, wohin er ursprünglich nicht wollte, als er Jesus verleugnete. Aber gerade in diesem sich-führen-lassen bestand seine Entscheidung und seine Aktivität und seine Liebe.

Vorhin hatten wir aus dem Gedicht gehört: 'Ich war in der Kirche: Blutüberströmt, fertiggemacht stand einer auf - DAS WAR EIN OSTERN !'

Jetzt sind wir in der Kirche. Manche von uns haben wohl gesagt: Herr, du weißt, dass ich dich liebhabe. Manche von uns haben den Ruf in die liebende Verantwortung gehört.

Wer wird sich führen lassen, wohin er nicht will? Wer von den Menschen, die Jesus liebhat, wird sprechen können: DAS WAR EIN OSTERN ! Ein Ostern, das die Angst vor dem Lügendetektor wegnimmt, weil es den ganzen Menschen wahr macht. Amen