Joh 19,16-30 (und Predigt "Der Herr wird König sein immer und ewig - Ex 15,18, sowie Predigt über Jes 52,13-53,12)

Schwerpunkte und Schlaglichter

In diesem Passions-Abschnitt geht es nicht um den Bericht über wenige Stunden des Sterbens Jesu, sondern um Schwerpunkte, wer Jesus für mich, für Gott und die Welt ist und um ein paar Schlaglichter, die bei dem Geschehen auf einige Menschen fallen.

Schwerpunkte:

  • Pilatus – ein mächtiger Herrscher, zum Kreuzigungsurteil z.T. gedrängt, gibt den Druck auf die Gruppe der Drängenden zurück, indem er die Kreuzigungsinschrift nicht korrigiert.
  • Hohepriester (amtierend und ehemalig) – mächtige Repräsentanten der Religion und der Politik, die ihre eigene Anklage gegen Jesus nicht am Kreuz lesen wollen, weil sie ihrer Meinung nach falsch wiedergegeben ist: Was sie Jesus vehement bestritten haben, König zu sein, steht nun am Kreuz. Pilatus hat sich für den Druck, in Rom angeschwärzt zu werden, beim Prozess gegen Jesus gerächt. Die Rache der diesmal unterlegenen Gruppe (!) wird durch eine Gruppe (!) ihrer Sympathisanten etwa 60 Jahre später im Segensspruch gegen die Ketzer Ausdruck finden, wo nur noch von den Anhängern des Nazareners die Rede ist und der Begriff „König der Juden“ nicht auftaucht.
  • Kriegsknechte – Sie wissen nicht, dass sie mit der Verteilung der Kleider Jesu und dem Würfeln um sein Gewand den Christen einmal helfen werden, Jesu Leidensweg unter dem Vorzeichen des 22. Psalms zu sehen: Mk 15,34 wird als Gebet Jesu am Kreuz aus Ps 22,2 angeführt. Der verspottete Jesus am Kreuz ruft Ps 22,8 ins Gedächtnis, vgl. Mk 15,29 und Mt 27,43. Der Auferstandene aber will die Osterbotschaft den Brüdern, der Gemeinde, übermittelt haben, Ps 22,23, vgl Joh 20,17 und Hebr 2,12.
  • Ein Schlaglicht fällt auf Maria und Johannes, die beiden, die zusammen bei Jesus – auf Bildern und Plastiken oft genug dargestellt - unter dessen Kreuz stehen und von Jesus Verantwortung oder Schutz übertragen bekommen.

Schon diese Schlaglichter und Schwerpunkte weisen die Bedeutung des Prozesses Jesu auf. Dazu kommt

  • Der Tod Jesu als Vollendung des Auftrages als des Gesandten Gottes

 

  • Zur Darstellung Jesu als König: Kein Evangelist hat die Bedeutung Jesu als König Israels und König der Wahrheit so konsequent in seinem Evangelium dargestellt wie Johannes.
    Er schildert Jesus als den von Gott eingesetzten König Messias. Der Prozess gegen Jesus wird so zum Prozess gegen den über alle Könige und Regenten, Präsidenten und Diktatoren eingesetzten König Gottes, der gekreuzigt wird und ein königliches Begräbnis bekommt mit einer übergroßen Menge von Myrrhe und Aloe (Joh 19,38-42, vgl. Ps 45,9 – nur in diesem auf den Messias gedeuteten Psalm über den König kommt der Doppelbegriff vor[GR1] ) . Von Jesus, dieser im Auftrag Gottes obersten Instanz der Welt als Spielball und Spott von Menschen, ist am Karfreitag zu reden – aber eben: als oberster Instanz über allen, die Macht zu haben scheinen.
  • Vollendet!

Für Johannes konzentriert sich der ganze Lebensweg Jesu von und mit Gott zu den Menschen und dann wieder zu Gott in dem einen griechischen Wort „tetelestai“ – es ist vollendet. Dass davor das „ich dürste“ aus dem Leidenspsalm 69,22 steht, zeigt in größter Deutlichkeit die Niedrigkeit des Gesandten Gottes.
‚Vollendet’ heißt: Erfüllung des Psalmwortes und aller von Johannes auf Christus bezogenen Worte des Alten Testamentes.

„Ich dürste“ – in der Vollendung des Gottesauftrages gerufen - wird so zum Wort absoluten Gottesvertrauens dessen, den Gott tränken wird mit dem Wasser des Lebens.
"Neigte das Haupt und verschied" - das ist letzte Aktivität Jesu im Licht von Joh 10,17f: "Darum liebt mich mein Vater, weil ich mein Leben lasse, auf dass ich's wieder nehme. Niemand nimmt es von mir, sondern ich lasse es von mir selber..."

Ein Ruf für Menschen am Rande des Todes

Und: "Vollendet" ist ein Wort, das vertrauensvoll herausgeschrieen werden kann von ihm und allen an der Grenze absoluter Niedrigkeit stehenden Menschen, ein Wort am Rande des Todes und der Verzweiflung.

Sarx (1,14) wird im Sterben zum Soma (2,21) – ein neuer Tempel wird vorbereitet[GR2]

Dass Jesus danach den Geist an Gott zurückgab bzw. an die Menschen übergab, ist ein doppeltes Geschehen zur Ehre Gottes und zum Heile der Menschen.

 

Predigt
Der Herr wird König sein immer und ewig

(Predigt in der Reformierten Kirche Erlangen am 7.10.1990 über Ex 15,18)

Liebe Gemeinde,

Was für ein Tag ist das heute! Vor einem Jahr haben viele die Feierlichkeiten zu 40 Jahren DDR angeschaut. Wir haben gestaunt über die organisierten Massen vor Honnecker und Gorbatschow und wussten nicht, dass sich hinter der Theaterszene die Wirklichkeit formierte, die so anders war, sodass heute - ein kurzes Jahr später - Erich Honnecker Bundesbürger ist, dass sein berüchtigter Vorgänger Walter Ulbricht, der unsere Universitätskirche in Leipzig hat sprengen lassen, auf dem Boden der jetzigen Bundesrepublik bestattet sein würde. Wir, die wir nur den eingeübten Jubel sahen, wussten nicht, dass es ein Jahr später einen nicht befohlenen Jubel geben würde, dass mancher unter uns vor Bewegung weinen würde. Wir wussten nur, dass es vor einem Jahr hinter der Szene Gruppen gab, die um Frieden beteten inmitten einer Menge von Unzufriedenen, Dass sie Gewaltlosigkeit lebten und von Gewalt bedroht waren. Wir wussten - um mit der Bibel zu sprechen - dass Elia nicht alleine war gegen die Götzen, sondern dass noch '7000' übrig geblieben waren, die ihre Knie dem Baal unserer Zeit nicht gebeugt hatten. Aber was war so wenig Salz in einer so großen faden Welt! ?

Es waren Gruppen, die das Jahr 1935 nicht vergessen hatten, das Jahr, in dem die Wenigen jener Hitler-Zeit von der Königsherrschaft Jesu Christi gesprochen hatten. Und das lautete eben:
"Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt ist, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben ... Jesus Christus ist auch Gottes kräftiger Anspruch auf unser ganzes Leben."

Es waren vor einem Jahr Gruppen da, die die alte Tradition wachhielten, wie sie im Buch Exodus 15,18 und in Psalmen ausgedrückt ist, im Lied des Mose und in den anderen Liedern, wo es heisst:
"Der Herr wird König sein immer und ewig."

Was wird nun aus dieser Erkenntnis, aus diesem Bekenntnis, nachdem die D-Mark bei vielen die Herrschaft übernommen hat, die sie bei denen auf der anderen Seite Deutschlands schon so lange hatte?

Mir fällt auf, dass das Bekenntnis von der Königsherrschaft Gottes in der Geschichte immer dann ausgesprochen worden ist, wenn Massen etwas Besonderes erlebt haben und in einer besonderen Hochstimmung waren:

   Da war erstens das Bekenntnis des Mose vor dem Volk, das gerade die ägyptische Mauer in Form des Roten Meeres überwunden hatte. Da war Hochstimmung, obwohl die Angst vor den Verfolgern noch in den Knochen saß. Was mögen diese Leute damals, gerade ein paar Schritte in der Freiheit der Wüste, erwartet haben, dass Mose singen musste: "Der Herr wird König sein immer und ewig!"?

Nur sechs Verse nach dem Bekenntnis des Mose steht eine kleine Notiz:
"Da murrte das Volk wider Mose und sprach: Was sollen wir trinken?" Die Angst vor dem Verdursten hat also das Bekenntnis des Mose provoziert, dass Gott König sein wird.

Zweitens: Auch im Neuen Testament wird an einem Höhepunkt von der Königsherrschaft gesprochen und zwar, nachdem das Volk in Hochstimmung 'Hosianna' beim Einzug Jesu in Jerusalem geschrieen hatte. Jesus hatte dann in der Öffentlichkeit vor Pilatus von der Königsherrschaft gesprochen, die nicht von dieser Welt ist, sondern die darin bestehe, dass Zeugen für die Wahrheit da seien - Christus als erster.
Nur wenige Verse danach wird der König, gegen den man schon vorher - wie gegen Mose - gemurrt hatte, gekreuzigt. Seine Jünger sind von der Masse nicht mehr gefragt. Sie müssen sich verstecken.

Drittens - eine Ewigkeit später, im Jahre 1935, als alle, fast alle marschierten, als die Mauer der Arbeitslosigkeit fiel, weil Waffen hergestellt wurden und das Germanische König wurde, als gemurrt wurde gegen Feinde innen und außen, gemurrt gegen den Gott der Juden und den der Christen - da wurde von wenigen das Bekenntnis von der Königsherrschaft Jesu Christi gesprochen.
1937 hat es einer formuliert:
"Jesus Christus, König und Herr, sein ist das Reich, die Kraft, die Ehr, gilt kein andrer Namen, heut und ewig 'Amen'.
Und hinter der offiziellen Szene der marschierenden Massen wurde 1935 die kleine Gruppe sichtbar, von der Jesus in der Bergpredigt Unglaubliches gesagt hatte:
"Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Erdreich besitzen."

Viertens: Jetzt ist es an uns. Wir wollen ja nicht die Festfeiern vermiesen (ich schreibe diese Predigt am 3. Oktober 2012, dem Tag der deutschen Einheit ins internet), haben wir doch selbst daran teilgenommen, haben geweint und gelacht, gebangt und gehofft, sind voller Dankbarkeit, dass sich die mörderische Geschichte der Zwillingsbrüder Kain und Abel auf den Straßen Leipzigs und anderswo nicht wiederholt hat.
Wir wollen diese Freude nicht mit Grau überziehen, aber es muss in dieser neuen, gefährlichen Situation, in der das Geld die Macht übernimmt, deutlich ausgesprochen werden:
"Der Herr wird König sein immer und ewig."

Damit dieses Bekenntnis  nicht zur reinen Floskel wird, ist uns aufgetragen, darüber nachzudenken, wie es heut aussieht, wenn die Türen in der Welt hoch gemacht werden, damit der König der Ehren einziehen kann.
Eine wesentliche Rolle könnte das Psalmwort spielen:
"Im Reich dieses Königs hat man das Recht lieb." (Ps 99,4)
Welches Recht wohl?
Das Steuerrecht, das Lasten verteilen kann?
Oder das Asylrecht?
Oder das Recht der Frau?
Oder das Recht der Schwächeren?
Oder das Recht von Irakern und Kuweitis?
Oder das Recht der Pflegebedürftigen?
Das Recht von Stasi-Mitarbeitern?
"Im Reich dieses Königs hat man das Recht lieb."

(Die Gemeinde hatte auf ihrem Liedblatt ein Bild von Nathan, der mit seinem Finger auf den König David zeigt, der einen ihm fremden Mann zum Tode verurteilt hatte, und dem Nathan sagt: "Du bist der Mann". )

Für diese Liebe Gottes zum Recht steht das Bild des Propheten Nathan vor David. Gott dringt unter Zuhilfenahme des ausgestreckten Fingers von Nathan und dessen Rede in den Machtbereich des irdischen Königs ein und proklamiert sein Königtum, in dem man das Recht lieb hat.
Auch Jesus hat im heute gehörten Evangelium diese Proklamation vollzogen:
Nicht Davids Sohn ist er, sondern Davids HERR - er ist also total anders. Er ist Liebhaber des Rechtes der Armen.

Neben die Rechtsliebe des ewigen Königs müsste unbedingt gesetzt werden:
Im Reich dieses Königs hat man Geschichten lieb.
Das sind Geschichten, die Jesus erzählt und die immer so beginnen: "Das Königreich Gottes ist zu vergleichen mit... - und dann erkennt man in der Erzählung die ganze Liebe Jesu zu den Menschen und seine Hoffnung für sie, sehr verständlich ausgedrückt. Und wenn es einmal mit Worten nicht so auszudrücken war, dann hat er es mit segnenden Händen auf den Köpfen von Kindern gezeigt, von Kindern, die von dem, was im Leben auf sie zukommen mag, keine Ahnung haben,

Und wenn diese Liebe nicht mit Geschichten und nicht mit segnenden Händen auszudrücken ist, dann ist sie ausdrückbar durch das getragene Kreuz unter den Augen des Königs und seiner Repräsentanten. (Das ist auf dem zweiten abgedruckten Bild zu sehen)

Die Königsproklamation Gottes in unserer neu-alten Zeit nach dem 3. Oktober 1990 wird wieder nur von kleinen Gruppen ausgehen, die im Hintergrund der großen D-Mark-Szene wirken, im Hintergrund der Szene, die alle Medien für sich in Anspruch nimmt und der die Zukunft zu gehören scheint, wenn heute nicht der 7. Oktober 1990 wäre - was für ein Tag! - ein Tag, der die Niedrigen erhebt, der auch die von der D-Mark Niedergewalzten erhebt.

Die Proklamation "Der Herr wird König sein immer und ewig" wird wieder nur von kleinen Gruppen ausgehen, wie wir das an Jesu Weg glauben gelernt haben oder gerade dabei sind, es zu lernen.
Und das ist eine Proklamation, die die Wirklichkeit glaubhaft vor sich hat:
Der Herr wird König sein immer und ewig. Amen

 

PREDIGT ÜBER JESAJA 52,13-53,12
(Predigt am Karfreitag 1990 in Kairlindach, Dorf bei Erlangen)

Liebe Gemeinde,
seit Jahrhunderten wird dieser Karfreitag hier im Ort besonders gefeiert: Man zieht sich dunkel an, ist stiller als an anderen Tagen, nimmt in manchem auf diesen Tag und was an ihm mit Christus geschehen ist, Rücksicht, geht zum Abendmahl.
Man wusste immer, was man an diesem Tag tut und was nicht - also: Tradition. Über Tradition macht man sich nicht viele Gedanken.

Und dann das heutige Predigtwort!
Ich weiss nicht, in welcher besonderen Tradition Menschen in Israel gelebt haben, zu denen vor etwa 2500 Jahren das Predigtwort des Propheten gesagt worden ist. Ich weiss nur, dass Menschen aus ihrem 'sich-nicht-viel-Gedanken-machen' aufgeschreckt worden sind. Sie sind von Gott aufgeschreckt worden. Ob das gut oder schlecht ist?

Wir machen ja zwischen 'jemanden aufschrecken' und zwischen 'Aufgeschreckt-werden' einen großen Unterschied. Wir sprechen vom 'heilsamen Schreck' oder vom 'heillosen Schreck'.
Vielleicht begreifen wir im Verlauf unseres Lebens, dass Gott nur heilsam aufschreckt: zu unserem Heil!

Auch die Begleiter Jesu haben erst in längerem Zeitverlauf entdeckt, dass das, was sie am ersten Karfreitag der Weltgeschichte erlebt haben - von der Verhaftung ihres Meisters bis hin zu seiner Kreuzigung - was sie zur Flucht in heillosem Schreck bewegte, sich ihnen zum Segen entwickeln würde, ja, zum Heil der Welt.

Hören wir uns das aufschreckende Predigtwort aus Jesaja 52 und 53 an:
"Siehe!" - so beginnt es.
Etwas, was wir nicht gesehen haben, sollen wir wahrnehmen.

"Siehe!" - unsere Augen sollen eine andere Richtung einnehmen als sonst gewohnt. Ja, nicht nur unsere Augen - unsere gesamte Persönlichkeit soll sich neu ausrichten: "Siehe!"

Mit diesem aufschreckenden Wort beginnen viele Geschichten der Bibel. Sie kennen einige davon

"Siehe, dein König kommt zu dir - arm..."

"Siehe, ich sende euch wie Schafe unter die Wölfe."

"Gehet hin in alle Welt - siehe, ich bin bei euch."

"Siehe, das ist Gottes Lamm" - dem Tode geweiht.

"Siehe!" - so heisst es bei Jesaja - "meinem Knecht wird's gelingen, er wird erhöht und sehr hoch erhaben sein."

Sie, liebe Zuhörer, sagen: Was soll uns denn da aufschrecken? Im Gegenteil! Vom Knecht Gottes wird doch gesagt, dass er erhöht und sehr hoch erhaben sein soll. Erfolg wird er haben, Karriere machen, Siege erringen, eine großartige Gestalt werden.
Was soll uns denn an diesem "Siehe!" aufschrecken? Wir kennen doch den siegreichen Knecht Gottes, unseren Herrn Jesus Christus. Jede der schönen und wertvollen und stolzen Kirchen in der Welt, jeder Dom erzählt von dem erfolgreichen Knecht: Sehr hoch! Sehr erhaben! Was soll uns das "Siehe!"? Welche andere Richtung sollen unsere Augen nehmen? Wohin soll sich unsere ganze Persönlichkeit neu ausrichten?

Beim Propheten heisst es jedoch weiter:
"Siehe, viele entsetzten sich über ihn, weil seine Gestalt hässlicher war als die anderer Leute ... Er schoss auf ... wie ein Reis und wie eine Wurzel aus dürrem Erdreich ... Er war der Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit."
"Siehe!"

Da soll jemand an einem hässlichen Menschen durch Gottes Anruf zu einer Erkenntnis kommen, soll an einem sehr verachteten, kranken Menschen zu einer göttlichen Einsicht kommen:
Siehe, mein Knecht, mein Beauftragter, mit dem ich mich zusammenschließe, in Leben und Tod verbinde. Siehe!

Was soll mir das? Ich sehe doch normalerweise besonders auf das Schöne, auf Farbe, auf neues Leben. auf Blüten, auf erfolgreiche Menschen, die im Licht der Öffentlichkeit stehen, die gut aussehen.
Es erschreckt mich, dass Gott mein Gesicht auf den Leidenden richtet. Warum tut er das? Was hat er mit mir vor? Hat der Leidende in unvermuteter Weise eine Antwort für uns?

Ein Unbekannter aus dem Konzentrationslager Buchenwald hat sich folgendes Gedicht abgerungen:

Ja, wärst du nicht mein Gott, wie könnt die Qualen
der armen Schöpfung ich dir je verzeihen!
Ja, wärst du nicht mein Gott, ich wollte speien
und Not mit Hass und Schmerz mit Bosheit zahlen.

Da wir uns deinem Schutze anbefahlen
gabst du uns preis, und da wir aufwärts schreien
bleibst du uns taub, und da wir uns kasteien,
verbirgst du dich in ungewissen Strahlen.

Ja, wärst du nicht mein Gott, wärst Herr von Knechten,
wärst Kirchenbild und Spielzeug für die Dummen,
ich wäre mir zu gut, nur dein zu denken.

Du bist mein Gott! Und darum muss ich rechten
und darum zweifeln, spotten und dich kränken -
und darum an dich glauben und verstummen.

Wenn ich von dem erfolgreichen, dem schönen Menschen unserer Medien auf diesen Menschen zu schauen lerne, der sich im Konzentrationslager am Boden windet,  merke ich, dass ein Mensch in seinem großen Leiden von 'seinem Gott' sprechen kann, dass er dann schweigt und verstummt und damit auf Antwort wartet:
Jetzt bist du dran, zu reden, mein Gott!

Mancher von Ihnen hat das erlebt: Dass ein ihm lieber Mensch in größte Not gekommen ist, nur noch Versagen, nur noch Krankheit und Leiden war - oder es ist, jetzt noch ist: Siehe!

Menschen am Boden müssen sich am intensivsten mit Gott auseinandersetzen. Dort, am Boden, im Elend, entspringt Wahrheit. Wer sich am Boden mit Gott auseinander gesetzt hat und sich dort mit ihm hat zusammen binden lassen, der ist wahrhaft sehenswert geworden in unserer verflachenden Gesellschaft, der hat etwas zu sagen, was von niemandem anderen gesagt werden kann. Deswegen beginnt das Lied vom Gottesknecht:
"Siehe, meinem Knecht wird's gelingen!"
Und in rätselhafter Sprache sagt Jesus im Johannesevangelium:
"Wenn ihr den Menschensohn (an's Kreuz) erhöhen werdet, werdet ihr erkennen, dass ICH's BIN" - die tiefste Tiefe der Kreuzigung des Gerechten ist wunderbarer Weise der Ort der Einsicht: ER ist's, ist Zentrum für mich, ist Ausgangspunkt für mein Leben und Ziel. Er ist Hinabgestürzter und Erhöhter, er ist Scheitern und Erfolg gleichzeitig. Siehe!

Siehe, Du kannst Dich in deiner tiefsten Not mit Gott einlassen in's Gespräch, kannst ihn fragen nach 'warum' und 'wozu', kannst Verzweiflung herausschreien, kannst vor ihm schweigen und verstummen - verstummen wie Christus. Verstummen, wie Jesaja schreibt: "Als er gemartert ward, litt er doch willig und tat seinen Mund nicht auf wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird."

Wenn wir dunkel gekleideten, das Abendmahl feiernden dem Leidenden unter uns und in unserer Welt nicht ausweichen und wenn wir das Leiden in uns vor Gott, vor unserem Gott, hinlegen, geht die alte Tradition bei uns weiter, die Tradition, die von Jesaja über Christus zu Buchenwald und zu dem Leidenden heute führt, dann geht die alte Tradition weiter, die trotz Leiden zu Sehenden macht:
"Siehe, meinem Knecht wird's gelingen: Er wird erhöht und sehr hoch erhaben sein." Amen

 

 


 [GR1]vgl meinen Artikel: “Jesus as God in the Fourth Gospel. The Old Testament Background” in: JOCHANAN, S. 348-351
http://www.evangelium-johannes.de/je7/en/node/224

 

 [GR2]vgl die Hinführung zu Joh 2,13-22